Fragestellungen der Studie:
Rezension zur Studie
Harks, M. & Hannover, B. (2017). Sympathiebeziehungen unter Peers im Klassenzimmer: Wie gut wissen Lehrpersonen Bescheid? Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 20, 425–448.FIS BildungDiagnostische Kompetenz von Lehrkräften wird häufig auf die Wahrnehmung von Wissens- und Lernständen bezogen. Harks und Hannover plädieren für ein weiteres Verständnis, welches auch das Wissen um die Sympathiebeziehungen innerhalb einer Lerngruppe umfasst, denn dieses Wissen kann dabei helfen, ein möglichst lernförderliches Arbeitsklima zu etablieren, Mobbing präventiv zu begegnen und in Stresssituationen Sympathiebeziehungen als emotionale Ressource zu nutzen. Daher untersuchen sie folgende Forschungsfragen:
Dazu wurden an 4 Grundschulen und 3 weiterführenden Schulen 821 Schülerinnen und Schüler sowie 39 Klassenleitungslehrkräfte per Fragebogen zu den klassenbezogenen Sympathiebeziehungen befragt. Um die individuellen Sympathienominierungen der Peers mit den Angaben ihrer Klassenleitungen zu vergleichen, wurden Sympathienetzwerke errechnet und über Jaccard-Indices in ein Verhältnis gesetzt. Zudem wurden Bedingungsfaktoren für die Korrektheit der Lehrkräfteeinschätzungen zu den Sympathiebeziehungen anhand von Regressionsanalysen ermittelt.
Im Ergebnis replizieren die Lehrkräfte die soziometrischen Sympathienetzwerke ihrer Schülerinnen und Schüler zu knapp einem Drittel. Die Sympathiediagnosen der Grundschullehrkräfte fallen mit 37 % Deckungsgleichheit signifikant treffsicherer aus als die ihrer Kolleginnen und Kollegen aus der Sekundarstufe 1 (25 %). Lehrkräfte beurteilen die Sympathiebeziehungen umso zutreffender, je mehr Stunden sie in der Klasse unterrichten, desto gezielter sie die Peer-Interaktionen beobachten und umso stärker sie sich für die Qualität der Interaktionen verantwortlich fühlen.
Harks und Hannover legen eine gut nachvollziehbare Studie zur Diagnosekompetenz von Klassenleitungen bezüglich der Sympathiebeziehungen zwischen ihren Schülerinnen und Schülern vor und sensibilisieren damit für ein wichtiges Thema. Für eine Professionalisierung von Lehrkräften sollte zukünftige Forschung untersuchen, wie sich diagnostizierte Sympathiebeziehungen auf die soziale, moralische und akademische Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler auswirken.
Nachfolgende Reflexionsfragen sind ein Angebot, die Befunde der rezensierten Studie auf das eigene Handeln als Lehrkraft oder Schulleitungsmitglied zu beziehen und zu überlegen, inwiefern sich Anregungen für die eigene Handlungspraxis ergeben. Die Befunde der rezensierten Studien sind nicht immer generalisierbar, was z. B. in einer begrenzten Stichprobe begründet ist. Aber auch in diesen Fällen können die Ergebnisse interessante Hinweise liefern, um über die eigene pädagogische und schulentwicklerische Praxis zu reflektieren.
Reflexionsfragen für Lehrkräfte
Reflexionsfragen für Schulleitungen
Einleitend verweisen Harks und Hannover darauf, dass Schulbildung stets im sozialen Kontext und im gegenseitigen Miteinander stattfindet. Daher betrachten sie die Qualität der Interaktionen zwischen den Schülerinnen und Schülern (Peers im Sinne Gleichgestellter) als bedeutsamen Faktor für deren soziale, moralische und akademische Kompetenzentwicklung.
Darüber hinaus würden schulische Motivation und schulische Leistungen durch befreundete Peers beeinflusst, in Stresssituationen Sympathiebeziehungen als emotionale Ressource wirken und allgemein das stabile Eingebundensein in Sympathiestrukturen für Wohlbefinden und eine lernförderliche Atmosphäre sorgen.
Aufgrund dieser Relevanz sollten Lehrkräfte nicht nur die Lernstände ihrer Schülerinnen und Schüler kennen, sondern auch die Beziehungen untereinander. Wenn Lehrkräfte die Sympathiebeziehungen ihrer Lerngruppe – also wer wen mag – genau einschätzten, könnten sie das Lernklima fördern und Mobbing präventiv entgegenwirken. Folglich sollte im Interesse lernwirksamen Unterrichts die Sympathiebeziehungen der Peers im Klassenzimmer einer professionellen Lehrkraft nicht nur bekannt sein: Eine professionelle Lehrkraft sollte sich vielmehr auch dafür mitverantwortlich fühlen, auf die Qualität der Interaktionen zwischen ihren Schülerinnen und Schülern positiv einzuwirken, um so die Bedingungen für belastbare Sympathiebeziehungen in der Lerngruppe günstig zu gestalten.
Nach Harks und Hannover bezieht sich Forschung zu diagnostischer Kompetenz von Lehrkräften allerdings meist auf die Wahrnehmung individueller Wissens- und Lernstände innerhalb einer Lerngruppe und lässt die Einschätzung sozialer Beziehungen unberücksichtigt. Dabei zeige sich, dass sich Lehrkräfte in ihrer diagnostischen Kompetenz hinsichtlich der Lern- und Wissensstände der Schülerinnen und Schüler erheblich unterscheiden. Bezüglich der Treffsicherheit, mit der Lehrkräfte die Sympathiebeziehungen von Lernenden einschätzen, liegen nach ihren Recherchen keine Studien vor.
Studien aus ähnlichen Forschungsfeldern, beispielsweise zum „teacher attunement“, zeigten aber, dass Schülerinnen und Schüler davon profitieren, wenn Lehrkräfte die Cliquenstrukturen innerhalb der Klasse korrekt wahrnehmen. Dabei bezogen sich diese allerdings auf die reine Zugehörigkeit zu einer Clique und nicht auf die spezifischen, individuellen Sympathiebeziehungen.
In der vorliegenden Studie werden daher die tatsächlichen soziometrischen Sympathienominierungsdaten aller Peers einer Lerngruppe analysiert und mit der diagnostizierten soziometrischen Sympathiestruktur der Lerngruppe durch die Klassenleitung abgeglichen. Damit sollen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie ausgeprägt das diagnostische Wissen von Lehrkräften über die Sympathiebeziehungen zwischen ihren Schülerinnen und Schülern ist. Hierfür werden primär folgende Forschungsfragen untersucht:
Zur Beantwortung der beiden Forschungsfragen wurden an vier Grundschulen, einer Gemeinschaftsschule und zwei Gymnasien im urbanen Raum 39 Klassenleitungslehrkräfte und deren 821 Schülerinnen und Schüler (aus entsprechend 39 unterschiedlichen Klassen) per Fragebogen über deren lerngruppenbezogene Sympathiebeziehungen befragt. Der Untersuchungszeitraum lag dabei am Schuljahresende und die Teilnahme fand freiwillig im Rahmen einer Unterrichtsstunde statt.
Insgesamt nahmen 93.4 % der Schülerinnen und Schüler an der Befragung teil. Die Stichprobe der Lehrkräfte war im Durchschnitt 40.9 Jahre alt und setzte sich aus 17 Grundschullehrkräften (davon drei Männer) und 22 Lehrkräfte an weiterführenden Schulen (davon neun Männer) zusammen. Die Stichprobe der 821 Schülerinnen (53.7 %) und Schüler (46.3 %) war im Durchschnitt 12.7 Jahre alt und verteilt sich auf die Jahrgangsstufen 4–10.
Über einen Fragebogen sollten die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler bis zu drei Mitschülerinnen und Mitschüler benennen, die sie am liebsten mögen. Analog dazu erhielten die Klassenleitungen den Auftrag, für ihre Klasse einzuschätzen, welchen maximal drei Peers aus der Klasse jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler jeweils die höchste Sympathie zusprachen. Zusätzlich sollten die Lehrkräfte angeben, inwieweit sie während des Unterrichts gezielt Peer-Interaktionen beobachten und inwiefern die Qualität der Peer-Interaktion im Unterricht in den Verantwortungsbereich einer Lehrkraft fällt. Diese Fragen wurden auf einer 7-stufigen Skala (1 = stimmt gar nicht bis 7 = stimmt genau) beantwortet.
Um die Treffsicherheit zu ermitteln, mit der die Lehrkräfte die Sympathiebeziehungen ihrer Schülerinnen und Schülern wahrnehmen, mussten die individuellen Sympathienominierungen der Schülerinnen und Schüler mit den Angaben ihrer Klassenleitungen verglichen werden. Hierzu wurden Sympathienetzwerke errechnet und über Jaccard-Indices (vgl. Neal, Cappella, Wagner & Atkins, 2011) in ein Verhältnis gesetzt.
Der Jaccard-Index misst in vorliegender Studie das Verhältnis zwischen einerseits den von einer Lehrkraft für alle Schülerinnen und Schüler einer Lerngruppe korrekt angegebenen Sympathiebeziehungen und andererseits der Gesamtanzahl aller individuellen Sympathienominierungen. Beispielsweise bedeutet ein Jaccard-Index von 0.25, dass die Übereinstimmung zwischen den Sympathienetzwerken der Schülerinnen und Schüler einer Klasse und der Klassenleitung 25 % beträgt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass drei Viertel der Sympathienominierungen der Peers durch die Lehrkraft nicht erkannt oder falsch unterstellt wurden.
Zusätzlich wurden Regressionsanalysen durchgeführt, bei der verschiedene Merkmale der Lehrkräfte sowie Rahmenbedingungen wie Unterrichtszeit, Beobachtung von Peer-Interaktionen, Verantwortungsgefühl, Klassengröße und Schulform als potenzielle Einflussfaktoren der Treffsicherheit berücksichtigt wurden.
Zu Forschungsfrage 1: Wie gut sind Lehrpersonen in der Lage, die individuellen Sympathiebeziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern innerhalb ihrer Schulkasse zu beschreiben?
Die Übereinstimmung zwischen den Sympathienetzwerken der Schülerinnen und Schüler einer Klasse einerseits und der jeweiligen Klassenleitung andererseits erreicht einen Jaccard-Mittelwert von 0.31. Somit ist festzuhalten, dass die befragten Lehrkräfte die soziometrischen Sympathienetzwerke ihrer Schülerinnen und Schüler zu knapp einem Drittel replizieren.
Die Sympathiediagnosen der Grundschullehrkräfte fallen mit 37 % Deckungsgleichheit signifikant genauer aus als die Diagnosen der Lehrkräfte der Sekundarstufe 1, die nur zu einem Viertel die Sympathienominierungen ihrer Schülerinnen und Schüler zutreffend diagnostizieren.
Selbst die niedrigsten Jaccard-Werte der Grundschul-Lehrkräfte erzielen das gleiche Niveau wie die Durchschnittswerte der Lehrkräfte aus den Gymnasien und der Gemeinschaftsschule. Darüber hinaus streuen die Jaccard-Indices der Lehrkräfte aus den weiterführenden Schulen deutlich stärker als die Jaccard-Indices der Grundschullehrkräfte.
Zu Forschungsfrage 2: Hängt die Kompetenz der Lehrkraft, die Sympathiebeziehungen angemessen zu beschreiben, damit zusammen,
a) wie stark sie von sich sagt, Peer-Interaktionen im Klassenzimmer gezielt zu beobachten?
b) wie stark sie die Einstellung vertritt, dass die Lehrperson die Qualität der Peer-Interaktionen innerhalb der Klasse verantwortet?
Insgesamt zeigt sich, dass je mehr Stunden eine Lehrkraft in ihrer Klasse unterrichtet, umso besser beurteilt diese Lehrkraft die Sympathiebeziehungen ihrer Schülerinnen und Schüler (ß = .48, p < .01). Zudem zeigt sich, dass Lehrkräfte, die aktiv darauf achten, wie Schülerinnen und Schüler miteinander umgehen, die Beziehungen besser einschätzen können (ß = .29, p < .05). Dieser Effekt verliert jedoch an Bedeutung, sobald das Verantwortungsgefühl der Lehrkraft für die Qualität der Peer-Interaktionen berücksichtigt wird. Dieses Verantwortungsgefühl erweist sich als besonders bedeutsam für die Diagnosekompetenz: Lehrkräfte, die sich für das soziale Miteinander ihrer Klasse zuständig fühlen, können die Sympathiebeziehungen am besten einschätzen (ß = .30, p < .05).
Klassengröße und Schulform haben hingegen keinen signifikanten Einfluss auf die Kompetenz der Lehrkräfte, die sozialen Beziehungen ihrer Schülerinnen und Schüler richtig einzuschätzen. Insgesamt zeigt sich, dass sowohl die Unterrichtszeit als auch das Verantwortungsgefühl der Lehrkraft zentrale Faktoren für die Kompetenz sind, soziale Beziehungen in der Klasse angemessen wahrzunehmen.
Zum Hintergrund
Mit ihrer Studie zur Kompetenz von Klassenleitungen, die Sympathiebeziehungen zwischen ihren Schülerinnen und Schülern zu diagnostizieren, wenden sich Harks und Hannover einem wichtigen Forschungsthema zu. Sie heben in diesem Zusammenhang schlüssig hervor, dass Diagnosekompetenz von Lehrkräften mehr umfassen müsse, als die individuellen Wissens- und Lernstände von Schülerinnen und Schülern in einer Lerngruppe zu erfassen. Insofern geht von den zu erwartenden Befunden eine hohe Relevanz für die weiter Forschung, aber auch für die weitere Professionalisierung praktizierender und zukünftiger Lehrkräfte aus.
Den theoretischen Rahmen für ihre Untersuchung entfaltet das Autorenduo leicht verständlich, vielschichtig und klar in der thematischen Progression. Harks und Hannover beschreiben sprachlich präzise und sachgemäß ihre Untersuchung. Einzig die vermehrten Wiederholungen machen die Darstellung bisweilen redundant und verlängern den Rezeptionsprozess unnötig.
Die Herleitung der Forschungsfragen erfolgt stringent. Für die Studie relevante Arbeiten der Forschungsgemeinschaft werden nachvollziehbar und prägnant referiert. Verweise zur weiterführenden Lektüre liefert das Autorenduo vielfach.
Zum Design
Nahezu alle Details des Forschungsdesigns sind ausführlich beschrieben – und zwar auf eine Weise, dass auch ohne tiefere Kenntnisse der Methodenlehre ein Nachvollzug des Vorgehens möglich ist. Nachvollziehbar sind ebenso die Datenerhebung und Datenaufbereitung. Exemplarisch wird ein Sympathienetzwerk basierend auf den Nominierungen der Schülerinnen und Schüler sowie deren Wahrnehmung durch die Lehrkraft vorgestellt und erläutert. Die errechneten Übereinstimmungswerte (Jaccard-Indices) und die Resultate der Regressionsanalysen werden textuell, tabellarisch und grafisch sinnvoll präsentiert. Auch erfahren die Leserinnen und Leser, dass die Datenerhebung am Ende eines Schuljahres erfolgte, damit ein möglichst langer Kontakt zwischen Lehrkraft und Klasse gewährleistet blieb. Mögliche Kritik an der Stichprobengröße von 39 Lehrkräften greift das Autorenduo auf und weist entsprechend darauf hin.
Zu den Ergebnissen
Harks und Hannover können die mit ihrer Studie aufgeworfenen Forschungsfragen vollständig beantworten. Insgesamt zeigt sich, dass Lehrkräfte die Qualität der Peer-Interaktionen in einer Lerngruppe beeinflussen und ihnen damit eine Mitverantwortung bei der Etablierung lernförderlicher Peer-Interaktionen zukommt. Dieser neue Befund sollte insbesondere für die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften berücksichtigt werden, wenngleich Folgeuntersuchungen zunächst klären müssen, wie genau die diagnostische Kompetenz von Lehrkräften vertieft werden kann, damit deren Wahrnehmung der Sympathiestrukturen in Lerngruppen treffsicherer ausfällt.
Hinsichtlich der Ergebnisse dieser Studie ist anzumerken, dass aus der zutreffenden Diagnose der Sympathiebeziehungsstrukturen innerhalb einer Lerngruppe noch nicht folgt, dass eine Lehrkraft daraus die richtigen pädagogischen Schlüsse zu ziehen vermag, um die Beziehungsstruktur in der Lerngruppe prosozial und lernförderlich (weiter) zu entwickeln. Welche Formen der Kontaktanbahnung, der Sitzplangestaltung, der Störungsprävention usw. sich für welche Sympathienetzwerk-Muster als besonders wirksam oder hinderlich erweisen, müssen Anschlussuntersuchungen prüfen. Zuletzt wird auch die Frage zu klären sein, inwieweit Kenntnisse über die aktuelle Peer-Beziehungsstruktur für Interventionen eingesetzt werden können und sollen.
Sie haben Fragen oder Anregungen?